erwachen

schwingen
den kopf baumeln lassen
rausche vorbei
unter leuchtend grünen blättern
kribbeln, süße leichtigkeit
die sich ausbreitet
oben helles freundliches blau
weiße flecken gehaucht
ziehen vorüber
die erinnerungen
kommen wieder
um uns ein zirkel
hohen grases
saftig, traurig
dass wir ihre verwandten erdrücken
mit nichts als einer decke
und dem gewicht
eines wichtigen lebensmomentes
für uns
zumindest
vielleicht
oder auch wahrscheinlich
nur für mich
dieser tag, diese sonne
diese nähe, diese leidenschaft
sind gegenwart in meinem kopf
von zeit zu zeit
nur in meinem

24.7.2017/22.07.2020

sündenbock

adern platzen
blut ergiesst sich
unter der nackten, weißen haut
strömt zwischen fasern
ein kampfmal
des alltags
abgepresst durch die schmalen riemen
die das tier
vorm karren halten
der sündenbock
er zieht
und oben auf dem wagen
steht der sünder
speiend röchelt
das vieh
obwohl es zufrieden
auf einer wiese weilen könnte
wäre es nur nicht so feige

20.7.2017

nur du nicht

sie stand da
im rahmen der tür
meines lumpigen zimmers
braune ansehnliche haare
schmiegten sich um sie
wortlos willentlich
kamen wir uns näher
nur meine freundin war sie nicht

jahre später
getrennte wege lagen hinter uns
die keiner bereute
und jeder erst bezweifelte
als sie plötzlich
in dieser bar
nur zwei worte genügten
und alles war wieder da
nur meine frau war sie nicht

hätte alles normal sein
weitergesponnen
persönliches verwoben werden können
festgezurrt die besitzansprüche
wie überall nur nicht bei uns
so traf ich dich wieder
an einem lauen sommertag
im oktober
die sache geritzt
seriöses auftreten ich
rückgrat eines wirbellosen
bisschen gequatsche hier
bisschen da
für einen moment alles wunderbar
die mutter meiner kinder warst du trotzdem nicht

13.7.17

ausarten, das artet aus

entartete kunst
gutartiger tumor der kultur
zerstört den bösartigen blick
banaler betrachter
artenvielvalt
verschreckt jene
die artig kaum emporsteigen wollen
weil es nicht ihrer art entspricht
zu leisten, gutes zu tun
ihnen auch die gemeinschaft fehlt
die liebe verspricht
so taumeln sie
im pulk der artgenossen
immer weiter in die tiefe
aus deren loch
kein gestreckter arm
mehr zu befreien hilft

20.07.2017

Kenne deinen Platz

Alle Werke von 2017 bis 2020

Vorwort

Wir können nicht anders. Nicht in der Zeit der Veränderung, nicht in der Zeit klarer Verhältnisse. Wir können nicht anders, als instinktiv eine Ordnung zu suchen. Eine Ordnung, die uns durch das Chaos leitet. Wir sehnen uns nach der Sicherheit, der Vergewisserung, dass es etwas gibt, dass nicht durch das Sieb der Vergänglichkeit flieht. Während wir schauen, wie der Sand der Zeit durch die kleinsten Maschen fällt und wir hoffen, es möge etwas zurückbleiben, treiben wir immer neue Fäden aus Stahl hinein. Mögen die Maschen kleiner und kleiner werden, verengen bis ins Unsichtbare hinein. Unsere Sehnsucht pumpt das Blut durch die Ordnung, die zu leben beginnt. Sie will nicht sterben, und deshalb treibt sie uns an, immer weiterzusuchen, und sie verspricht uns, es gäbe das eine, das Wahre. Bis wir den Betrug bemerken, ist es zu spät. Wir lösen uns auf, in alle Bestandteile, auf der Suche, werden zu eben diesem Sand, den wir eben noch durchsiebt haben.

menschen wandern

jeden montag
schleichen sie durch die straßen
die braven bürger von dresden
haben angst
angst wovor?
wir fragen sie
nur keiner von ihnen
hat keine antwort

völlig unwissend
dass sie angst haben
vor einem prozess
der sie hierher brachte
sie haben angst
das menschen wandern

wo einst doch
ganze völker wanderten
wird nun das natürlichste am menschen
zum recht

das recht zieht mauern hoch
hinter denen sich
die braven bürger dresdens
verschanzen:
das recht der stärkeren
das recht der wohlhabenderen
das recht der klügeren

montags streifen
die braven bürger
durch jene stadt
die einst
selbst in höchster not
tausende aufgenommen hat

sie sprechen millionen andere worte
wie in einem chor
nur, dass sie selbst nicht wissen
was sie sagen

das abendland
meinen sie
sei in gefahr
sei dem untergang geweiht
die braven bürger dresdens
haben ihre wurzeln vergessen
die geschichte ihrer stadt
sie sind blind
vor wohlstand

die braven bürger dresdens
sind laut und wütend
sie verachten das menschliche
doch zum glück
sind sie nicht das volk

der alte

jeden sommermorgen
sitzt er am straßenrand
in seinem stuhl
schaut den leuten entgegen
blickt ihnen hinterher
pafft er hinaus
woran er sich erinnert
er denkt
oder einfach nur rauch
sein blick erzählt mir
dass er die tage zählt
ich denke
mag er allein sein
ob er noch offene rechnungen hat
ich denke
kaum weiter
gehe vorbei
die schwester kommt
und nimmt ihn mit

der freie wille

der freie wille
ist ein bröckelnder fels
den wir hoffnungsvoll
in den ewigen strom des schicksals werfen
um darauf zu balancieren
vom andern ufer winkt
die freiheit uns hinüber
das wir frei werden
auf halber strecke
gehen uns die steine aus
der lahme strom
duftet plötzlich
nach honig und milch
leichter wird es
von sekunde zu sekunde
hinein zu sinken
hinfort zutreiben

move move move

sie locken dich
das ist die chance
ein großer kannst du werden
richtig asche machen
groß rauskommen
dickes auto
hübsche püppie
tolle freunde
leichte mädels (als provision)
so rufen sie es millionen zu
und verschweigen:
den künstlich organisierten überlebenskampf
kotze! hunger! glätte dich!
bis zur unkenntlichkeit
befolge ihre regeln
erniedrige dich, erhebe dich über andere
zeit ist geld
das geld haben sie
also bestimmen sie deine zeit
beeile dich
die plätze sind schnell ausverkauft

die schweine

sie drehen die steine
sie schleifen die klingen
sie schlachten die schweine
sie fletschen die zähne
teilen die gebeine
sie ferchen zusammen
sie schwingen die peitsche
sie blasen zur jagd

und du sitzt da
an deinem frühstückstisch
an dem du
dein brötchen ißt
denkst so nach
lenkst dich davon ab
den stall zu sehen
im dreck zu wühlen
lieber ein schwein sein
als sich als mensch zu fühlen